Interview in der Borkener Zeitung

am 28.05.2019 von Josef Barnekamp

Frage: Frau Ludwig, was ist Ihnen am Wahlabend als erstes durch den Kopf gegangen, als klar wurde, dass die Grünen auch im Kreis Borken mehr als 20 Prozent der Stimmen geholt haben?
Ludwig: Da hab ich nur gedacht: Endlich, endlich, endlich. Endlich verstehen uns die Menschen und sehen die Problematik von Umwelt-, Klima- und Naturschutz. Da wurde mir klar: Jetzt kommen wir mit diesen Themen auch nach vorne.

Frage: Woran hat es denn gelegen, dass die Grünen mit diesen Themen gerade jetzt nach vorne kommen. Diese Themen besetzen Sie doch seit Jahrzehnten?
Ludwig: Das stimmt. Aber ich glaube, dass jetzt der gesamte gesellschaftliche Druck – egal ob von „Fridays for future“ oder aus der Wissenschaft – dafür gesorgt hat, dass die Menschen merken: hier läuft was schief. Das betrifft auch die Landwirtschaft, einem wichtigen Thema der Europapolitik. Da machen immer mehr kleine Betrieb zu. Mit der Tendenz, das alles immer größer wird, auch damit sind die Menschen nicht einverstanden. Da ist vieles zusammengekommen. Außerdem haben viele Menschen erkannt: Europapolitik betrifft uns auch vor Ort.

Frage: Wie sehr hat Ihnen geholfen, dass sich viele Jugendliche des Themas „Klimaschutz“ in jüngster Vergangenheit besonders angenommen haben?
Ludwig: Das hat uns insofern unterstützt, als sie bei den Menschen Betroffenheit erzeugt haben. Das habe ich auch im Haustürwahlkampf gemerkt, wo auch vor allem ältere Menschen gesagt haben: Ja, da müssen wir was tun. Viele haben sich mit unserer Grünen Jugend unterhalten, die uns unterstützt hat.

Frage: Die Erwartungen, an Sie sind jetzt sehr hoch, dass sie mit ihren 20 Prozent in Brüssel und Straßburg auch etwas umsetzen. Was lässt sich realistisch schaffen?
Ludwig: Da muss man schauen. Wir sind ja nicht stärkste Partei. Mit etwas Glück sind wir das Zünglein an der Waage und können was rausholen. Da werden unsere Leute in Brüssel schon gut verhandeln und versuchen, für den Klimaschutz das Letzte rauszuholen.

Frage: Wie groß ist die Angst, dass man bei der nächsten Wahl wieder abgestraft wird, wenn man Hoffnungen enttäuscht?
Ludwig: Das haben wir ja vor zwei Jahren bei den Landtagswahlen gemerkt. Da hatten wir ja Angst, überhaupt in den Landtag zu kommen. Sobald man – zumal als der kleine Partner – in Regierungsverantwortung ist, kann man nicht alles umsetzen. Und wir hatten als Grüne, als kleine Partei, eigentlich schon viel umgesetzt. Die SPD beispielsweise leidet ja im Moment auch sehr darunter, dass sie sich nicht profilieren kann. Aus der Opposition heraus lässt sich vieles leichter fordern

Frage: Was bedeutet die Wahl für die Grünen im Kreis Borken? Wie viel Rückenwind bringt das Ergebnis?
Ludwig: Enorm viel. Zumal jetzt schon, ein paar Tage nach der Europawahl, in den Parteien vor Ort sehr viel über die Kommunalwahl gesprochen wird.

Frage: Haben Sie schon Anrufe bekommen von Leuten, die bei den Grünen mitmachen wollen?
Ludwig: Ich hab vier Anträge bekommen. Wir hatten aber in den vergangenen zwei Jahren schon viel Zulauf. Momentan haben wir rund 280 Mitglieder im Kreisverband.

Frage: Ich habe mal durchgerechnet: Wenn Sie bei der Kommunalwahl 2020 kreisweit auf 20 Prozent der Stimmen kämen, müssten sie 120 Rats- und Kreistagsmandate besetzen. Da wird das schon knapp, oder?
Ludwig: 20 Prozent bei den Kommunalwahlen, das kann ich mich ehrlich gesagt nicht vorstellen. Ich wäre zufrieden, wenn wir auch da zweistellig abschneiden. Für den tiefschwarzen Kreis Borken wäre das ein gutes Ergebnis. Wenn’s 15 Prozent werden, wäre das prima.

Frage: Mit dem derzeitigen Zulauf könnte man diese Mandate besetzen?
Ludwig: Ja. Was mich freut ist, das wir derzeit viel Zulauf auch von Frauen und Jugendlichen haben. In Bocholt gibt es seit einigen Wochen eine Grüne Jugend. Ich habe schon den Eindruck, dass einige von denen auch Lust an Ausschuss- oder Kreistagsarbeit haben. In Gronau sind wir dabei, eine Grüne Jugend zu gründen. Da haben sich die ersten gemeldet.

Frage: Muss man sich als Kreisverband jetzt auch noch einmal neu aufstellen? Sie hatten ja mal eine hauptamtliche Geschäftsführerin, kommen jetzt aber ohne aus.
Ludwig: Im Moment läuft das so ganz gut, auch weil wir einen sehr guten Vorstand haben. Nach den Kommunalwahlen müssen wir aber mal schauen.

Frage: Wie läuft‘s denn zwischen Kreisvorstand und Kreistagsfraktion. Man hatte den Eindruck, sie waren nicht immer die dicksten Freunde?
Ludwig: Wir hatten vor Jahren schon mal Probleme und auch Streit. Das rührte aber vor meiner Zeit her (Ludwig ist seit fast fünf Jahren Kreisvorsitzende d. Red). Den erfolgreichen Antrag auf die kreisweite Katzen-Kastrationspflicht vor einigen Monaten ist ja maßgeblich von mir und dem Kreisvorstand vorbereitet und an die Kreistagsfraktion übergeben worden. Das war ein Zeichen, dass Partei- und Fraktionsarbeit funktionieren. Man merkt ja auch jetzt in der Bundespartei: Wenn man im Vorstand gute Leute hat, dann strahlt das auch nach außen. Partei- und Vorstandsarbeit ist ja gerade bei uns Grünen oft unterschätzt worden.

Frage: Noch ein Blick auf die Kommunalwahlen. Können Sie sich vorstellen, im Kreis Borken einen grünen Kandidaten ins Rennen zu schicken. Sie haben ja in Rhede früher schon mal den Bürgermeister gestellt.?
Ludwig: Nach dem Ergebnis vom Sonntag kommen die Fragen schon. Über Kandidaturen hab ich aus dem Kreisgebiet aber bislang nichts gehört. Wir müssen das erst einmal verarbeiten. Da müssen wir überlegen, was wir machen.

 

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